Sonnenaufgang in der Wüste

Sonnenaufgang in der Wüste - Death Valley

„Warum bloggst du?“, fragst du.

„Wegen der Liste“, sage ich.

Du: „Welche Liste?“

Wegen der Liste, die alles über mich sagt.

Wegen der Liste, die der beste Grund für meinen Reiseblog ist.

Kennst du die Art von Macken, die einen Menschen bis ins kleinste Detail ideal beschreiben?

Die Charakterdetails, die dich gleichzeitig zum Schmunzeln UND zum Stirnrunzeln bringen?

Meine Liste ist so ein Charakterdetail.

Es ist die Art von Liste, von der die einen sagen: „Du spinnst doch.“

Die Liste bei der andere denken: „Wenn sie schon diese Liste hat, welche hat sie dann noch?“

„Welche Liste ist es denn nun?“ willst du jetzt Wissen.

Ich verrate es dir.

Doch nicht, ohne dir die Geschichte dazu zu erzählen:

Es ist 4 Uhr. Der Wecker klingelt.

Kein Handywecker. Wir schreiben das Jahr 2000 und das Handy ist noch kein unerlässlicher Gegenstand im Gepäck geworden.

Wir machen schnell. Sachen zusammenpacken, Zelt abbauen.

Wir sind mein Freund und ich.

Wir sind im Death Valley auf unserer ersten Reise.

Sonnenaufgang in der Wüste - Death Valley

Sonnenaufgang in der Wüste - Death Valley

Es ist dunkel. Sehr dunkel noch. Müde beladen wir das Auto und fahren los.

Um fünf Uhr müssen wir da sein. Dann geht die Sonne auf, hat der Ranger gesagt.

Es ist Dezember, das Autothermometer zeigt fünf Grad an.

Die Fahrt durch die leere Wüste geht schnell und wir sind pünktlich.

Punkt 5 Uhr sind wir am Aussichtspunkt.

Wir sind glücklich.

Wir haben uns.

Wir sind allein hier.

Ein Sonnenaufgang nur für uns – wow.

Was ein Glück wir haben.

Wir starren in die Nacht.

Was der andere denkt? Wir sind noch so neu zusammen, dass wir es nicht erahnen.

Ich denke: „Gott, ist das noch dunkel hier!“

Er fragt: „Hat der Ranger wirklich fünf Uhr gesagt?“

„Ja“, sage ich und starre auf die Uhr. Sie zeigt Viertel nach fünf an.

Wir halten unsere Hände.

Wir sind frisch verliebt.

Obwohl er meine Hand wärmt, wird sie kalt. Ich erinnere mich an die fünf Grad.

Meine Uhr zeigt jetzt halb sechs an.

Er sagt: „Ich glaube da stimmt etwas nicht. Sollen wir im Auto warten?“

„Ja“, sage ich und kuschel mich an ihn an, während wir zum Auto gehen.

Das Warten beginnt. Wir machen die Heizung im Auto an und fragen uns, wann die Sonne wirklich aufgeht. Noch immer ist es dunkel da draußen. Die Nacht will nicht weichen.

Mehr als eine Stunde später kommen andere Menschen. Es ist jetzt kurz vor sieben.

Als es immer mehr werden, steigen auch wir aus dem Auto aus und gehen zu unserem Sonnenaufgangsspot.

Wir kuscheln uns aneinander und genießen den romantischen Sonnenaufgang in der Wüste. Es ist kurz nach sieben als die Sonne aufgeht.

Sonnenaufgang in der Wüste - Death Valley

Heute ist 15 Jahre später.

Wir lieben uns noch immer.

Und wir lieben weiter romantische Sonnenaufgänge.

Aber wir haben auf Reisen nie wieder jemanden gefragt, wann die Sonne aufgeht.

Warum? Weil wir DIE Liste haben.

Die Liste mit den Geodaten, die sagt, wann an unserem Reiseziel die Sonne aufgeht.

Hast du auch solche Reisespleens? Dann verrate sie mir in den Kommentaren!

Vielen Dank an die Urlaubspiraten, die mich mit ihrem Aufruf zum Travel Blogger Slam zu dieser Geschichte inspiriert haben und die mich damit unter die Top 3 Finalisten gewählt haben! Nachschicken muss ich an dieser Stelle, dass ich seit kurzem Wetterapps vertraue, was die Sonnenaufgangszeiten angeht. Ich vermisse DIE Liste jetzt schon!

Die Reise war im Dezember 2000 im Death Valley in den USA. Die Bilder sind original aus dieser Zeit. Als das Foto von mir entstand war mir kalt und mir graute vor der Nacht. Gut, dass ich da noch nicht wusste, wie chaotisch der Sonnenaufgang in der Wüste am Zabriskie Point werden würde …

11 Kommentare

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  • Toller Artikel mit einem überraschenden Ende. Auf eine Sonnenaufgangsliste wäre ich wirklich nicht gekommen. Was es alles gibt??
    2000 war auch meine erste Reise mit meinem Freund, auch in die USA, allerdings im Sommer. Und wir sind auch immer noch zusammen und glücklich.
    Mein einziger Reisespleen, der mir jetzt spontan einfällt, ist meine Liste, was ich denn alles vor Ort machen und besuchen möchte. Um dann vor Ort dann oft was ganz anders zu machen. Aber ohne diese Liste kann ich nicht verreisen.

    Lieben Gruß

    Ina

    • Hallo Ina,

      mensch, wir haben mehr gemeinsam als ich dachte :-)

      Die Liste von der du erzählst habe ich auch. Seit Reiseaufnahmen ist sie allerdings deutlich weniger ausgeprägt worden. Ich komme einfach nicht mehr dazu. Schon verrückt, dass ein Reiseblog die Reiseplanung behindert ;-)

      Liebste Grüße
      Tanja

  • Liebe Tanja,
    was für eine schöne Geschichte. Sehr unterhaltsam, aber auch ganz zauberhaft geschrieben! Mein Reisespleen besteht aus unglaublich durchdachtem Handgepäck (um damit im Zweifel zwei Tage überleben zu können). Was so ein verspäteter Koffer für Trauma auslösen kann…

    • Liebe Tabitha,

      juhuu, ein Kommentar von dir. Wenn du schreibst, fühle ich mich immer an die Bloganfänge erinnert und bin aufgeregt, als wäre Reiseaufnahmen erst seit gestern live :-)

      Ein verspäteter Koffer wäre ein Alptraum – mein Handgepäck besteht nämlich immer zu 100 % aus Technik und Unterhaltung, weshalb die Katastrophe damit perfekt wäre. Wie viel wiegt dein Handgepäck?

      Alles Liebe
      Tanja

  • Sehr, sehr schön. Wüstenerfahrung. Hatte ich auch. War eine Brautwerbung anderer Art. Aufstieg des Mosesberges. Anders. Aber auch mit Sonnenaufgang. Obwohl der Zukünftige dann Amerikaner war und nicht Beduine. Und nicht im Gran Cannyon aber in New England. Obwohl Gran Cannyon auch sehr schön war. Danke! Für die Erinnerung. Und dein Slam ist wunderbar!!

    • Hallo Sabine,

      eine Brautwerbung?! Wie aufregend! Schöne Kommentarzeilen hast du mir hier hinterlassen!

      Stimmt, der Grand Canyon ist ganz wunderbar. Der fehlt mir hier im Blog auch noch, wie so viele tolle Reiseerlebnisse …

      Danke für dein Kompliment. Ich freu mich!

      Liebe Grüße
      Tanja

  • hi Tanja, haha beim ersten lesen dachte ich so hä? über was für eine Liste erzählt sie da! Doch dann kam ja zum Glück noch die Auflösung..großartige Macke mit der Sonnenaufgangsliste :D freue mich für deine Nominierung zum Halbfinale der TBS15 und bin gespannt wie die Story weiter geht. Wir sehen uns sicher am Ort der Preisvergabe ;) vg René

    • Hallo René,

      dann kannst du mir ja live die Daumen drücken. :-) Freu mich, dich dann auch mal live zu sehen!

      Liebe Grüße
      Tanja

  • Was für eine Liste ! Ich habe ständig mehrere Listen, so dass ich dann irgendwann versuche, eine endgültige Liste zu machen : Liste, was noch einzukaufen ist; Liste, was in den Koffer muss; Liste, was im Handgepäck bleibt; Liste, was beruflich noch zu tun ist; Liste, was die Kinder noch machen müssen usw. Kurz vor Abreise kommt dann alles, was noch übrig ist, auf eine letzte Liste …

    • Hallo Martina,

      hihi, das kenne ich zu gut. Nur sind meine Listen nicht am Ende reduziert, da die Vor-Ort-Navigation, Entfernungen, Hotelübersichten etc. meist erhalten bleiben.

      Gut geplant ist bei mir entspannt gereist. Wobei ich zuletzt immer spontaner Reise (vor lauter Blog fehlt gerne mal die Zeit) und auch darin entdecke ich schöne Seiten.

      Viele liebe Grüße
      Tanja

  • […] Ein Marktplatz hat jede Stadt. Doch welche Stadt kann von sich sagen, dass sie den größten mittelalterlichen Marktplatz hat? Der 200 mal 200 Meter lange Rynek Glowny (Marktplatz) wird geprägt von den Tuchhallen, dem Rathausturm sowie der Franziskanerkirche. Gerade zur blauen Stunde bieten sich hier fantastische Fotomotive. Aber Achtung: im Winter geht die Sonne hier früher unter als bei uns. […]

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